Jochen A. G. Jess 
Denken Maschinen? 


4. Das "cartesische" Theater und die "Joycesche" Maschine 4.1 Bewußtsein als Überlebensstrategie
Wir müssen unsere Worte manchmal sehr sorgfältig wählen. Wenn ich von der "Natur" spreche, dann meine ich nicht irgendein übersinnliches Wesen, das unsere Entwicklung bewacht. In dem Zusammenhang dieses Aufsatzes ist die "Natur" das Universum, in dem wir bestehen und dessen Elemente sich auf Darwinsche Weise entwickeln. So entstehen lebende und am Ende auch intelligente Wesen. Die einzige Bedingung für das Überleben einer Art ist die Fähigkeit, sich in hinreichend großen Zahlen über Generationen zu reproduzieren. Jedes Wesen, das diese Bedingung erfüllt, überlebt sozusagen per definitionem. In diesem Bild ist keine Funktion für einen Aufseher reserviert, der unsere Entwicklung beobachtet und steuert. Er könnte natürlich wohl bestehen, aber mir ist der Gedanke angenehm, mir die Welt ohne ihn vorstellen zu können.
Gibt es auch eine Darwinsche Erklärung für das Bewußtsein? Ich erlaube mir, als Laie einen spekulativen Gedanken anzubieten - ich übernehme keine Garantie für seine Originalität. Soeben haben wir festgestellt, daß die Evolution der Lebewesen eo ipso auf die Erhaltung der Art gerichtet ist. Wenn der Lebensraum es zuläßt, können sehr viele Arten entstehen. Offensichtlich ist die Erde lebensfreundlich genug, um Raum für eine ungeheure Vielfalt zu bieten - oft genug sehr zu unserem Ergötzen! Doch hat dieser Lebensraum kein Erbarmen mit individuellen Wesen. Unter welchen Bedingungen die Geschöpfe der Evolution überleben, darauf achtet niemand. Wenn hinreichend viele Individuen nur lang genug leben, um genug Nachwuchs zu erzeugen, überlebt die Art. Die Natur verhindert nicht, daß Millionen von Individuen einer bestimmten Spezies unter den häßlichsten Bedingungen von ihr verschlungen werden. Wir müssen mit ansehen, wie verschiedene Spezies einander verspeisen oder auf andere Weise umbringen, mal abgesehen von all den Millionen, die in Flüssen ertrinken oder von Geröllmassen erschlagen werden. Und auch was wir Menschen einander antun, rührt so etwas wie das Gewissen der Natur in keiner Weise.
Wer ist in diesem Kampfgebiet die einzige Instanz, die als Anwalt eines individuellen Wesens auftritt? Ich wage zu behaupten: das Bewußtsein. Im Bewußtsein unserer Situation auf Erden entwickeln wir Strategien des individuellen Überlebens. Mehr als das: Wir entwickeln Strategien des angenehmen Lebens. Unmerklich geht der Streit ums nackte Überleben über in einen Streit konkurrierender, allesamt lebensfähiger Kulturen, die wir bewußt schaffen und zu erhalten versuchen. Der geistige Austausch der Individuen, die diese Kulturkreise bevölkern, ist dabei unverzichtbar. Bewußtsein ist die Voraussetzung für Sprache und damit für komplexes und vor allem auch flexibles kollektives Handeln. Die Entwicklung des Bewußtseins ist also eine Neuauflage des Darwinschen Grundmusters der Evolution, diesmal begründet in dem luxuriösen Reichtum der lebensfreundlichen Natur und angetrieben nicht nur durch die Notwendigkeit der Reproduktion der Art, sondern auch durch das Bestreben, die Integrität des einzelnen Individuums so lange wie möglich instand zu halten. Natürlich sind all diese Kulturen nicht von selbst einander freundlich gesinnt. Sie treten miteinander in Konkurrenz, führen Kriege und unterwerfen einander. Der Überlebenskampf wird auch auf dieser Ebene aufs Neue erfunden. Das Prinzip des Bewußtseins ist offenbar nicht stark genug, um dem gemeinsamen Interesse am allgemeinen Frieden genügend Nachdruck zu verleihen.

 
Aus
Dr. Joachim Giesecke (Hg)
ANDERWEGE.
Bilder und Texte für Eckhart Pilick.
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-33-9