A. Drews an E. v. Hartmann am  28. 4.1892


Wir sind keine Christen mehr; das muß offen und ohne Hintergründe eingestanden werden. Es kommt darauf an, eine reinliche Scheidung der Geister vorzunehmen. Wir glauben nicht mehr an den Gottmenschen, sondern an den Menschgott. Wir sind Atheisten, insofem wir im Theismus die Grundquelle alles Übels sehen, aber wir sind nicht Atheisten in dem Sinne, daß wir Gott leugneten. Darin liegt Caprivis Recht und Unrecht: Es handelt sich um einen Kampf zwischen Christentum und Atheismus! Unsere Gegner stehen uns bis an die Zähne gewaffnet gegenüber. Sie haben den Staat auf ihrer Seite, die Macht, die Gewohnheit und die Trägheit des Geistes. Wir aber sind eine Herde ohne Führer, in uns selbst zerklüftet, zerfahren, indifferent. Da steckt das Übel! Man rüttle die Massen aus ihrem Indifferentismus auf, was nur möglich ist, indem man ihnen etwas Positives bietet, man sammle sie um ein hohes Panier, all die Geistesträger, die Indifferenten, die etwas Neues ersehnen, aber sich von dem Alten noch nicht loszumachen vermögen, man zerschneide das Tischtuch zwischen Atheismus und Christentum und bekenne offen Farbe. - Das wäre wenigstens ein ehrlicher Kampf! Zu diesem Zwecke, meine ich, ist es nötig, den Austritt aus der Landeskirche zu fordern, nicht bloß aus Wahrheits- und Ehrlichkeitsmotiven, sondern auch aus rein taktischen Gründen. Die Leute müssen in die Kampfesstellung hineingedrängt werden, wenn sie in der Tat kämpfen sollen. Andemfalls werden sie nur allzubald wieder in ihren alten Indifferentismus verfallen. Der Staat wird freilich ein saures Gesicht machen, aber doch nur solange, als er uns für eine religionslose Masse hält. Der Staat steht dem Atheismus feindlich gegenüber, aber doch nur dem Atheismus als Gottlosigkeitslehre. Wir aber haben ja einen Gott, eine Religion. Wir treten ja nur aus der christlichen Gemeinschaft aus, zu der wir nicht mehr gehören, aber nicht aus der religiösen Gemeinschaft überhaupt. Wagen wir nur erst den Schritt, und der Staat wird uns nichts anhaben können, ja, wir erst sind seine treuesten Bundesgenossen, denn wir erkennen auf unserm konkret monistischen Standpunkt den Staat als eine objektive Inkarnation der Sittlichkeit an, der sich mit den christlichen Prinzipien nie und nimmermehr verträgt, wie dies auch die Sozialdemokratie ganz richtig einsieht.

Aus
Arthur Drews Eduard von Hartmann
Philosophischer Briefwechsel
1888 - 1906
Herausgegeben von Rudolf Mutter und Eckhart Pilick
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-10-X