E. v. Hartmann an A. Drews am 28. 2.1900


Steiner hat sich offenbar die Chance offen halten wollen, an Kögels Stelle zu treten, wenn dieser weichen müßte, hat aber auch den Schein vermeiden wollen, als , ob er etwas zur Beseitigung K.s beigetragen habe. Die Verteidigung K.s in betreff der zurückgezogenen Bände hätte er früher veröffentlichen müssen, wenn man ihm glauben sollte, daß er niemals auf seine Nachfolgeschaft reflektiert habe. Die Art ' wie Frau F. ihrem Bruder Tempel baut, und sich als Pförtnerin geriert, hat mir niemals zugesagt. Wenn es übrigens Steiner dauernd ernst geblieben wäre, an K.s Stelle zu treten, so hätte er es doch wohl haben können; er muß also wohl bei  näherer Bekanntschaft mit dem Charakter der Frau F. die Lust zu dieser Stellung verloren haben. Frau F. wird die Antwort schwerlich schuldig bleiben; denn sie ist nicht ungeschickt mit der Feder.
Als ich auftrat, gab es nur einseitige Schopenhauerianer und Hegelianer. Die ersteren bedauerten, daß ich den Sch.schen Gedankenkreis durch Hereinziehung Hegelscher Elemente entstellt habe; die letzteren erkannten mir nur die Bedeutung. zu, Schopenhauersche Kreise in Hegelsche  Gedankenelemente einzuführen und zum Übertritt vorzubereiten. Eine Vereinigung von Feuer und Wasser hielten alle Beteiligten und Unbeteiligten für ganz unmöglich. Jetzt sind die einseitigen Schopenhauerianer und Hegelianer fast ausgestorben, während die Ansicht, daß man Hegelsche und Schopenhauersche Gedankenelemente verbinden und auf dieser Synthese fortbauen müsse, an Boden gewonnen hat. (Bahnsen u. Nietzsche haben dazu beigetragen). Als ich auftrat, war Schopenhauer noch bête noire für die Universitätsphilosophie in weit höherem Grade als ich es jetzt bin; denn er war damals doch schon acht Jahre tot und ich lebe noch. Dieses Menschenalter hat genügt, Schopenhauer in die akademischen Kreise einzuführen und den damals nur wenig bekannten in den weitesten Kreisen bekanntzumachen. Dasselbe Menschenalter hat aber auch genügt, Hegel fast vergessen zu machen. Wenn nun in Deutschland (ähnlich wie in England) Hegel eine neue Durcharbeitung von Seiten der Universitätsphilosophie erführe, so könnte das nur vorteilhaft sein, teils weil damit das gegen die Mitte des Jahrhunderts tief gesunkene Niveau der phil. Bildung wieder etwas gehoben und die Köpfe formell geschult würden, teils weil damit erst die Vorbedingungen gegeben würden, um meine Bestrebungen aus richtigen Gesichtspunkten zu beurteilen.

Aus
Arthur Drews Eduard von Hartmann
Philosophischer Briefwechsel
1888 - 1906
Herausgegeben von Rudolf Mutter und Eckhart Pilick
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-10-X