A.Drews an E.v.Hartmann  Karlsruhe, 17. Juni 1901


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Ihre näheren Ausführungen, verehrter Herr Dr., über die Scheingefühle, sowie Ihre Bemerkungen zu meinem kleinen Aufsatz habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich freue mich, dass Sie im Prinzip mit mir übereinstimmen. Im Einzelnen dürfte sicherlich noch manches einer Richtigstellung und näheren Ausführung bedürfen, doch musste ich mich mit der Hervorhebung des Wichtigsten begnügen, da der Aufsatz als Vortrag in einem hiesigen Verein gehalten wurde und so schon schwer genug geworden ist; wenigstens für Leute, die von diesen Dingen noch nie vorher etwas gewusst haben. Dass auch im Traum Scheingefühle ästhetischer Art vorkommen, erkläre ich mir aus einer Mitwirkung des Oberbewußtseins, das in solchem Falle noch nicht völlig erloschen ist, sondern seine kritische Reflexion in den Inhalt des Unter- oder Traumbewußtseins hineinschickt. Im übrigen bin ich der Ansicht, daß Ober- und Unterbewußtsein immer zusammenwirken, um "unseren" Bewußtseinsinhalt zu erzeugen, und daß es sich immer nur um ein relatives Übergewicht des einen über das andere handelt. Die Spaltung des Bewußtseins in zwei Tätigkeiten, wie Sie die Sache auffassen, ist demnach eigentlich physiologischer Art und kann nur insofern eine Spaltung des Bewußtseins heißen, als unter dem letzteren die konkrete Einheit von Unter- und Oberbewußtsein verstanden wird. Auch der gewöhnliche Wahrnehmungsinhalt des Wachbewußtseins wäre demnach die Einheit von Ober- und Unterbewußtsein, da es ja das letztere ist, was dem ersteren die Empfindungen, die Materie der Anschauung, liefert, die also in diesem Falle über die Schwelle des Großhirnbewußtseins gehoben sind; die Einheit der beiden Bewußtseine heißt demnach Oberbewußtsein nur wegen des relativen Übergewichtes der Großhirntätigkeit, welche die Empfindungen auf Dinge an sich bezieht, und dadurch dem Ganzen den Stempel der Realität aufheftet. Ich meine also nicht, daß es sich um eine Spaltung innerhalb des Oberbewußtseins handelt, wenn das Unterbewußtsein seinen Inhalt in das Oberbewußtsein hineinscheinen läßt, sondern eben nur um ein Übergewicht der Großhirntätigkeit, die jedoch ohne den Inhalt des Unterbewußtseins rein formal und inhaltsleer sein würde. Der Fall der Halluzination oder Illusion unterscheidet sich hiervon nur dadurch, daß die Tätigkeit des Großhirns unterdrückt und demnach der subjektive Inhalt des Unterbewußtseins selbst unmittelbar ins Oberbewußtsein tritt, der nun infolge des Mangels einer kritischen Reflexion für real gehalten wird. Daß das Unterbewußtsein als solches oder für sich allein nicht reflektiert, das erscheint auch mir als sicher. Es ist daher ein ungenauer und unglücklicher Ausdruck, wenn ich es so hingestellt habe, als ob das Unterbewußtsein den Schein für Realität halte. Und auch darin stimme ich Ihnen bei, daß, wenn das Oberbewußtsein den ihm aus dem Unterbewußtsein zufließenden Inhalt für Realität halten muß, es dies nicht darum tut, weil dieser Inhalt schon im Unterbewußtsein die Legitimation für seine Realität erhalten hätte, sondern weil die Funktion des Großhirns unterdrückt und es daher zur genaueren Feststellung des Tatbestandes nicht fähig ist. Das Oberbewußtsein oder vielmehr das einheitliche Gesamtbewußtsein nimmt den Inhalt nur einfach so, wie es dies an der Hand der normalen Erfahrung gewohnt ist, und hat unmittelbar keine Veranlassung, ihn für etwas Anderes zu nehmen. Der Unterschied unserer Ansichten scheint mir demnach darauf hinauszulaufen, daß Sie eine Spaltung innerhalb des Ober- resp. Unterbewußtseins annehmen, während ich das Bewußtsein in jedem Falle nur für eine Einheit beider halte und die Spaltung nur als relatives Übergewicht des einen über das andere auffasse. Für Sie ist das reproduktive ästetische Verhalten ein Vorgang im Oberbewußtsein, dem das Unterbewußtsein seine Gefühle übermittelt, für mich ist es wesentlich ein Vorgang im Unterbewußtsein, der allen seinen Inhalt nach außen projiziert und darum auch seine Gefühle, wie sie durch das Wahrnehmungsbild ausgelöst sind, in das letztere hineinschaut. Eben diese Projektion scheint mir zu fordern, daß es sich hierbei um ein Übergewicht des Unterbewußtseins handeln muß; ist es doch allein das letztere, das überhaupt mit Gefühlen reagiert, weil es sich um die Realität oder Nichtrealität des Wahrnehmungsscheins nicht kümmert. Ob ich damit das Richtige getroffen habe, ist mir freilich zweifelhaft und ich bestehe nicht darauf, doch scheint mir diese Annahme vor allem zur Erklärung der Spaltung brauchbarer, die ohne sie sowohl psychologisch, wie physiologisch ziemlich unverständlich bleibt. Ich würde mich sehr freuen, verehrter Herr Dr., wenn Sie selbst das Kapitel der Scheingefühle einmal genauer behandeln möchten; hier sind noch manche Dunkelheiten aufzuhellen, und solche Aufsätze, wie der von Prof. Werner, den ich zum Teil gelesen habe, zeigen, daß dieser Begriff von vielen noch garnicht verstanden ist.

Aus
Arthur Drews Eduard von Hartmann
Philosophischer Briefwechsel
1888 - 1906
Herausgegeben von Rudolf Mutter und Eckhart Pilick
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-10-X