E.v.Hartmann an A.Drews Gr. Lichterfelde, den 7. 7. 1901


Lieber Freund!
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Darin sind wir ja einig, daß Oberbewußtsein und irgendwelche Unterbewußtseine auch im gewöhnlichen Wahrnehmungsinhalt, bei der Phantasietätigkeit und beim Denken immer zusammenwirken; die Frage ist nur, ob das Traumbewußtsein dasjenige Unterbewußtsein ist, welches unter normalen Umständen dem einheitlich wachen Oberbewußtsein die Materie der Anschauung liefert. Ich bezweifle das, und aus diesem Grunde habe ich bisher den Ausdruck "Das Unterbewußtsein" lieber vermieden, weil sein Singularis dazu verleitet, es mit dem uns erfahrungsmäßig am besten (meist sogar allein) bekannten Traumbewußtsein zu identifizieren. Die Anschauungsmaterie, aus welcher die synthetische Intellektualfunktion den Inhalt einer höheren Bewußtseinseinheit formiert, muß nicht in einem sondern in vielen Bewußtseinen niederer Individuationsstufe vorgebildet sein; denn sonst wäre ja die Einheit des Bewußtseins schon da und brauchte nicht erst durch Synthese gewonnen zu werden. Die organischen Grundlagen der zu vereinigenden Unterbewußtseine müssen in demselben Hirnteil beisammen liegen, der der Träger der sie verknüpfenden Bewußtseinseinheit sein soll, und die Leitung zwischen ihnen muß sie wechselseitig für einander über die Schwelle heben, wenn die Bewußtseinseinheit zu Stande kommen soll. (Vgl. Phil. d. Unb. I 418 - 419, III 107 - 108). Diese Bedingungen sind innerhalb der Großhirnrinde für die einzelnen Ganglienzellen und ihre Gruppen erfüllt, ebenso sind sie für das Traumbewußtsein für die Ganglienzellen usw. in demjenigen Hirnteil erfüllt, der als sein Träger vorauszusetzen ist. Sie sind aber für gewöhnlich nicht erfüllt für das Traumbewußtsein und das wache Bewußtsein untereinander; denn zwischen ihnen ist die Leitung so unvollkommen, daß für gewöhnlich die Erregungen des einen Hirnteils für das Zentralbewußtsein des andern unter der Schwelle bleiben, aber niemals zu einer Bewußtseinseinheit verschmelzen. Wachbewußtsein und Traumbewußtsein sind zwei Zentralbewußtseine, die miteinander konkurrieren und sich gegenseitig zu unterdrücken suchen, indem sie um die beschränkte Innervationsintensität des Nervensystems kämpfen. (Grillparzers 2 Fackelträger in "Der Traum ein Leben"). Das Hineinscheinen des Wachbewußtseins ins Traumbewußtsein kann ich nur da annehmen, wo im Traum das Bewußtsein erwacht: "das träumst du ja nur!" Das Hineinscheinen des Traumbewußtseins ins wache Bewußtsein nur da, wo ein Traumbild vor dem Einschlafen in eine wache Gedankenreihe hineinscheint oder nach dem Erwachen noch eine Zeitlang stehen bleibt, oder wo im wachen Zustande Halluzinationen auftreten. In beiden Fällen kämpfen beide Zentralbewußtseine gegeneinander. (Ähnlich wenn eine Handlungs-Suggestion während der Hypnose oder eine posthypnotische Suggestion unausgeführt bleibt, weil sie den Grundtrieben des wachen Bewußtseins zu sehr widerstrebt). Wo eine Halluzination nicht mehr als solche erkannt und bekämpft wird, da ist schon Geistesstörung eingetreten. und das wache Bewußtsein vom Traumbewußtsein besiegt und verdrängt.
Daß das Traumbewußtsein tiefer steht als das wache, daran ist kein Zweifel; aber ein dem ersteren analoges und paralleles Zentralbewußtsein mit eigener Bewußtseinseinheit und einer wenn auch schwächeren Reflexion ist es doch. Ich suche den Unterschied der Ergebnisse von dem Verlauf beider mehr in Unterschieden ihrer Reproduktions- und Assoziationsgrundlagen als in ihrer Reflexion. Man reflektiert sehr lebhaft im Traume, die Reflexion ist nur von andern Interessen geleitet, operiert mit andern, in Folge abweichender Reproduktion größtenteils irrtümlichen Voraussetzungen und kann sich nicht auf dieselben Assoziationshilfen stützen wie das wache Bewußtsein. Ist das richtig, so kann auch im Traumbewußtsein ebenso wie im wachen Bewußtsein die reflektierende Vorstellungstätigkeit mit ihren phänomenalen Produkten von der rezeptiven Sinnestätigkeit (dort der Traumphantasie, hier der Wahrnehmung) unterschieden werden. Diese Unterscheidung scheint mir genügend, um in der ästhetischen Auffassung sowohl des Traumbewußtseins als auch des wachen Bewußtseins die reelle Gefühlswirkung auf die "empirische Realität" oder Tatsächlichkeit des Scheins, die Hemmung und Dämpfung der Gefühlswirkung zum bloßen Scheingefühl auf die Reflexion zu beziehen, daß der Schein doch keine tranzendente Realität hat oder wenigstens ohne Rücksicht auf sie aufgefaßt werden muß. Im Traumbewußtsein wird unmittelbar nur die letzte Reflexion vertreten sein, die erstere aber nur als Reminiszenz aus dem wachen Leben (z. B. wenn man im Traume eine Bildergalerie durchwandert, weiß man, daß die Bilder keine Wirklichkeiten sind, sondern sie nur abbilden, oder daß die zum Vortrag gebrachte Ballade nur eine erdichtete Handlung schildert).
Ich möchte den Gefühlstimbre des Scheingefühls als den stehen gebliebenen Rest des realen Gefühls auffassen, der vor aller Reflexion auf seine Unwirklichkeit durch den Schein reflektorisch (sei es organisch, sei es assoziativ, sei es beides zugleich) ausgelöst wird, die Abdämpfung des Gefühls zum ästhetischen Scheingefühl aber als einen Hemmungsvorgang, als eine Reflexhemmung. Nur kann das Traumbewußtsein dabei insoweit beteiligt sein, als es, wenn auch für das wache Bewußtsein unter der Schwelle bleibend, Gefühle auslösen hilft, beziehungsweise als die Erregung seiner organischen Grundlage auf die organische Grundlage der betreffenden Gefühle erregend übergreift oder irradiiert. Das ist aber etwas ganz andres, als wenn es den Sinnenschein, die Materie der Anschauung für das wache Bewußtsein liefert, und dann erst von diesen aus die Gefühle erregt werden.
Mit herzlichem Gruß Ihr alter Freund
E. v. Hartmann



Aus
Arthur Drews Eduard von Hartmann
Philosophischer Briefwechsel
1888 - 1906
Herausgegeben von Rudolf Mutter und Eckhart Pilick
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-10-X