A.Drews an E.v.Hartmann Karlsruhe, 26. Juli 1901 

Verehrter Herr Dr!

Was nun Ihre Darlegung über das Traumbewußtsein anbetrifft, so muß ich Ihnen wohl recht geben. Ihr Nachweis, daß das Traumbewußtsein nicht als solches bei der ästhetischen Auffassung unmittelbar beteiligt sein kann, hat mich vollständig überzeugt. Verstehe ich Sie recht, so ist also nach Ihrer Ansicht der Vorgang der ästhetischen Perzeption so zu denken, daß der ästhetische Schein Gefühle im Unterbewußtsein auslöst, was nur möglich ist, weil die Tätigkeit des Großhirnbewußtseins während des ästhetischen Verhaltens herabgesetzt ist, daß diese Gefühle des Unterbewußtseins ins Großhirn- oder Oberbewußtsein hinaufgeleitet und nun von diesem durch den hinzutretenden Akt der Reflexion auf die Nichtrealität des ästhetischen Objekts zu Scheingefühlen abgedämpft werden. Meine Erklärung der Tatsache, daß die Scheingefühle aus dem Subjekt hinausprojiziert und in den Schein gleichsam eingeschmolzen werden, könnte ja nach wie vor durch den Hinweis darauf aufrecht erhalten werden, daß das Unterbewußtsein, wie DESSOIR dargelegt hat, überhaupt allen Inhalt nach außen projiziert und hieran normaler Weise nur durch die Reflexion des Großhirns verhindert wird, die eben während des ästhetischen Verhaltens herabgesetzt ist, und diese Reflexion wiederum könnte man, statt als eine bewußt begriffliche, was sie sicherlich nicht ist, als das Gefühl der Abhängigkeit von der Außenwelt auffassen oder als den Gegendruck, den die letztere auf die Projektion der Gefühle ausübt, so da8 sie innerhalb des Subjekts als innerliche Zustände des letzteren beschlossen bleiben. Demgegenüber bestände alsdann die "Reflexion" beim ästhetischen Verhalten, wodurch die ins Oberbewußtsein geleiteten Gefühle des Unterbewußtseins zu Scheingefühlen abgedämpft werden, im Gefühl der Freiheit, die wir den ästhetischen Objekten gegenüber haben, d.h. im mehr oder minder deutlichen Gefühle, daß es im Grunde nur von uns abhängt, ob wir uns vom Objekt zu Gefühlen anregen lassen wollen, oder nicht, und dieses Freiheitsgefühl des Oberbewußtseins ist es, was in der Verschmelzung mit den ästhetischen Scheingefühlen mit in den Schein hineinprojiziert wird und dem letzteren selbst den Charakter der Freiheit aufdrückt. Eine ähnliche Auffassung finde ich nachträglich bei GROSS in seinen "Spielen des Menschen", der sich mit meiner eigenen Theorie sehr nahe berührt und dabei auch an Ihre Ästhetik anknüpft. Ich bin leider jetzt zu sehr mit anderen Arbeiten beschäftigt, um dies Problem näher verfolgen und ausarbeiten zu können und behalte mir dies für den nächsten Vortrag der Ästhetik vor, würde mich aber sehr freuen, wenn Sie mir mitteilen möchten, ob ich Sie jetzt richtig verstanden habe.




Aus
Arthur Drews Eduard von Hartmann
Philosophischer Briefwechsel
1888 - 1906
Herausgegeben von Rudolf Mutter und Eckhart Pilick
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-10-X