Die Ethik Jesu (Auszug)

Er wird als ein Freund der Armen, Kranken, Schwachen, Notleidenden und Verachteten hingestellt, aber offenbar nur im Hinblick auf sein Urbild im Alten Testament, insbesondere auf Jesaia 29,18ff. und 35,4ff. Von irgendwelcher besonderen Liebe oder Güte ihnen gegenüber ist jedenfalls bei Jesus wenig genug zu finden. Nirgends kommt er den Leidenden als freundlich Helfender entgegen. Automatisch gleichsam und ohne mit der Wimper zu zucken vollzieht er seine Heilwunder, und diese kosten ihm kein Opfer: Er braucht sie nur zu wollen, nur ein Wort, ein Blick, eine Bewegung, und sie sind vollzogen. Und trotzdem lässt er sich hierzu oft erst bitten, verweigert der Syrophönikerin die Wiederherstellung ihrer Tochter, weil sie nicht jüdischer Abstammung ist, und verbietet sogar seinen Jüngern, zu den glaubensfremden Samaritern zu gehen und ihnen das Heil zu verkündigen (Mt. 10,5).  Nirgends (mit Ausnahme der Maria Magdalena) hören wir denn auch von Dankbarkeit der Geheilten und Geretteten ihm gegenüber, nirgends, dass einer von ihnen sich ihm angeschlossen habe. Er, der Menschenfreund Jesus, zeigt sich auch sonst den Fremden gegenüber von stärkstem Dünkel erfüllt. Er nennt die Heiden „Hunde“ (Matth. 7,6; 15,26), und während er den Seinigen Geduld, Nachgiebigkeit, Sanftmut, Verzeihung, Milde und Demut predigt und nicht einmal will, dass man seinen Bruder auch nur einen Taugenichts schilt, fährt er den Petrus, der sich doch nichts Schlimmes hat zu Schulden kommen lassen, in plötzlich aufwallendem Zorne mit dem Scheltwort „Satan“ an, entlädt auf die Pharisäer, noch dazu in deren Abwesenheit und als Gast bei einem solchen (Lk. 11,37ff.), einen maßlosen Zorn, nennt sie Toren, übertünchte Gräber oder bei anderer Gelegenheit Blinde, Heuchler, Schlangen, Teufelskinder, Natternbrut, Diebe und Räuber und schilt die gesamten Zeitgenossen ein „ehebrecherisches Geschlecht“ (Mt. 12,39; 23; Mk. 8,38).  Dabei zeigt er sich selbst in seinem überspannten so genannten messianischen Selbstbewusstsein, in der Gleichsetzung seiner Persönlichkeit mit Gott so wenig demütig, ja, selbst hochfahrend, absprechend und beleidigend, dass man ihn von irrenärztlicher Seite deswegen geradezu für unzurechnungsfähig erklärt hat. „Der historische Jesus der liberalen Theologie“, sagt der Pfarrer (!) R. Werner in seiner Studie über diesen Gegenstand (in der Neuen kirchlichen Zeitschrift 22.1911), „ist und bleibt ein Geisteskranker.“ Und wenn Albert Schweitzer gemeint hat, ihn hiergegen in Schutz nehmen zu müssen, so nicht als Arzt, sondern als christlicher Theologe, der sich verpflichtet fühlt, alles was Jesus betrifft, zu beschönigen und ins Rechte umzudeuten. Jesus war, wie der Irrenarzt Wilhelm Lange-Eichbaum in „Genie, Irrsinn und Ruhm“ (1928, 382ff.) darlegt, entweder ein Gott, wie die Rechtgläubigkeit behauptet, oder es ist schwer, wenn er ein bloßer Mensch gewesen sein soll, ihn von Größenwahnsinn freizusprechen

Aus
Arthur Drews
Die Ethik Jesu
mit einer Einführung von Eckhart Pilick
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-78-9