Prof. Dr. Emil Adolf ROSSMÄSSLER 1806 - 1867


Emil Adolf Roßmäßler wird als Sohn eines Kupferstechers am 3. März 1806 in Leipzig geboren. Mit achtzehn schon Vollwaise, ermöglichen Verwandte dem begabten Neffen ein Studium der Theologie, weil das damals am wenigsten Geld kostete. Zwei Semester freilich genügen ihm, "um ihm nach seinen eigenen Worten die Theologie für immer gründlich zu entleiden; denn er, der `gewohnt war und wenigstens zunächst zu nichts anderem Beruf und Neigung fühlte, als selbständig zu denken und zu urteilen', konnte sich weder mit der Art, wie die Theologie, noch mit der Trockenheit und Starrheit, mit der die Philosophie damals vorgetragen wurde ... befreunden", wie sein Biograph Dr. Lutz (in "Flora im Winterkleide") schreibt. (Lutz gründet am 4. August 1887 den "Deutschen Lehrer-Verein für Naturkunde" mit der ausgesprochenen Absicht, die Wirksamkeit Roßmäßlers fortzusetzen und sein Andenken zu erneuern.) Durch seinen Beitrag in der viel gelesenen "Gartenlaube" über den "See im Glase" wird Roßmäßler zum "Vater der Aquarienkunde". Er entwickelt als erster den Gedanken eines internationalen Naturschutzes. Schon um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts tritt er für den Schutz der Feldflur, der Feuchtgebiete, der Vögel, Biber und Bäume ein. Der Wald ist für ihn nicht nur eine Holzzuchtanstalt, sondern wichtigster Garant für die Fruchtbarkeit des Bodens und Regler unseres Klimas. Weitblickend fordert er eine europäische Konferenz zur Erhaltung der Wälder auf unserem Kontinent. Im Selbststudium eignet er sich ein so profundes Wissen über die Pflanzen an, daß Professor Reichenbach meint, jemand, der sich so gründlich mit Botanik beschäftigt habe, könne sich auch bald in Zoologie fachkundig machen, weshalb er ihn 1830 zum Professor für Tierkunde an die Königlich-Sächsische Akademie für Land- und Forstwirte im thüringischen Tharandt beruft. Bereits zwei Jahre später veröffentlicht er ein angesehenes Lehrbuch zur Systematik des Tierreichs. Seine Bücher über Forstinsekten, Versteinerungskunde, über die Land- und Süßwasser-Schnecken Europas (heute noch als wissenschaftliches Standardwerk geschätzt), die Charakteristik der wichtigsten Sträucher und Bäume und viele andere erscheinen in rascher Folge. Roßmäßler will vor allem für das Volk, für seine Bildung und seine Verbundenheit mit der Heimat wirken. 1848 zieht er als Volksvertreter in das erste deutsche Parlament nach Frankfurt und ein Jahr später mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart, bis dieses von der reaktionären Obrigkeit mit Waffengewalt auseinandergetrieben wird. Zurück in Sachsen, folgen wegen seiner demokratischen Gesinnung - damals noch als staatsgefährdend angesehen Berufsverbot und Hochverratsprozeß. Dreimal sitzt der Lehrer und Forscher im Gefängnis. Danach erklärt er ungebrochen: "Ich werde nach wie vor so reden, so schreiben, so handeln, wie es mir der Dienst der Humanität in deren weitester Bedeutung vorschreibt." - In der Paulskirche gehört er dem äußersten linken Flügel an und setzt sich vornehmlich im Schulausschuß für die Schaffung einer einheitlichen deutschen Volksschule ein, die den Kindern aller Schichten zugänglich sein soll. "Solange die für Unterrichtszwecke und -anstalten ausgesetzten Geldsummen ... nur wie ein kleiner Bruchteil neben denen für die Hilfsmittel des Krieges, für das Soldatentum, stehen, so lange kann von einer Erreichung des Höchsten in der Volksschule nicht die Rede sein, und zwar solange die Schule unter der Gewalt der Kirche steht" schreibt er später. - Roßmäßler gehört zu den Initiatoren des ersten politischen Frauenbildungsvereins, ruft einen Bürger und einen Turnverein - was seinerzeit als kriminell eingestuft wurde - ins Leben und nicht zuletzt den Leipziger Arbeiterbildungsverein, aus dem später die Sozialdemokratische Partei hervorgeht. Da er durch das Scheitern der Demokratiebewegung von 1848/49 seinen Lehrstuhl verliert, bleibt er seinem Herzensanliegen, der Volksbildung, weiter treu. Reimar Gilsenbach schreibt, Roßmäßler sei der erste Naturwissenschaftler gewesen, der folgerichtig zum Lehrer des Volkes wurde: "In den ersten Jahren nach der fehlgeschlagenen Revolution zog Roßmäßler als `naturwissenschaftlicher Reiseprediger' von Stadt zu Stadt. Wie ein Bänkelsänger malte er sich mikroskopische und geologische Darstellungen auf große Tafeln; denn Anschauung mußte sein. Der Versuch gelang. Das Volk wollte wissen, was unter dem Mikroskop zu sehen und wie die Erde beschaffen sei. Die Säle waren voll, wenn der Naturforscher Roßmäßler sprach. Und er hielt seine Vorträge nicht nur in eleganten Sälen; nein, auch in Bierkneipen redete er. - Die naturwissenschaftlichen Gedanken galten zu seiner Zeit noch als staatsgefährdend und aufrührerisch." Öffentliche Ankündigungen werden ihm verboten. Er wird aus Stuttgart, Frankfurt, Mainz ausgewiesen, und schließlich will niemand mehr das Wagnis eingehen, ihn sprechen zu lassen. Zuerst untersagt man ihm das Lehren an der Hochschule. Dann hindert man ihn daran, zum Volk zu sprechen. Deshalb beginnt er, volkstümlich zu schreiben (und oft lithographiert er die Abbildungen selbst): Mehr als ein Dutzend Bücher wie "Das Wasser", "Der Wald", "Der Mensch im Spiegel der Natur" , "Die Geschichte der Erde", "Flora im Winterkleide" und "Die Tiere des Waldes" entstehen. Das letztere Werk verfaßt er zusammen mit seinem Freund Alfred Edmund Brehm. - Roßmäßler ist Pantheist. Die Erde ist ihm Heimat, nicht Durchgangsstation zu einem anderen Leben. Die Verantwortung für die Natur und die Liebe zur Heimat bilden die Grundlage für seine Weltfrömmigkeit. "Nichts", so lehrt er, "führt die Menschengeister und -herzen schneller zusammen, als das klare, würdige Bewußtsein gemeinsamer Heimatsangehörigkeit in Gottes schöner Erdnatur; während nichts die Menschen einander mehr entfremdet, als die hundert- und tausendfältig abgegrenzte Heimatsangehörigkeit unserer verkünstelten Staaten und Staatskirchen." In seiner Zeitschrift "Aus der Heimat" vertritt er die Ansicht, daß Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden, daß aber auch der Mensch und die Natur zusammengehören. Sein Kampf um Volksbildung ist im Grunde ein Kampf gegen Grenzen, die er für un- und widernatürlich hält. Letzten Endes kann er darum auch keine absolute Grenze zwischen Leben und Tod anerkennen, da aller Tod in der Natur nur Wandlung sei, sozusagen das Ringen des Lebens mit sich selbst. Durch seinen Einfluß und den seines Kollegen Nees v Esenbeck wandeln sich die zuerst nur antiklerikalen Führer der Deutschkatholiken zu Pantheisten. Roßmäßler stirbt am 9. April 1867 in Leipzig.


Aus
PILICK, Eckhart (Hrsg.): 
Lexikon freireligiöser Personen. 
Verlag Peter Guhl
ISBN 3-930760-11-8