VII. Irrtümer und Fragwürdigkeiten


Die Bibel enthält eine große Anzahl anderer offensichtlicher Irrtümer bzw. Sinnwidrigkeiten, die wir unmöglich Gott unterstellen dürfen und die es ebenfalls vollständig ausschließen, die Bibel von A bis Z als Gottes Wort anzusehen. Auch hier sollen nur wenige Beispiele genannt werden, weil ja im Grunde ein einziges genügt, um die traditionelle absolutistische Inspirationslehre aus den Angeln zu heben:
1. Klassisch, auch bei den Theologen längst anerkannt, ist die irrige Endzeiterwartung von Jesus und Paulus, die beide die Wiederkunft Jesu noch in ihrer Generation, also noch zu Lebzeiten der Apostel, erwarteten. Das hat den Christen der ersten Zeit nach Jesu Tod und noch lange danach große Not bereitet. Aber alle Umdeutungsversuche konnten und können den Irrtum nicht beseitigen.
2. Ein anderes bekanntes Beispiel ist ferner die Einreihung des Hasen und des Klippdachses unter die Wiederkäuer. 
3. Daß die Schöpfungsgeschichte nach den sicheren Erkenntnissen der heutigen Naturwissenschaft bei aller Anerkennung der Möglichkeit von Wundern nicht stimmen kann, ist mittlerweile allgemein akzeptiert.
4. Befremdend sind auch jene zahlreichen Stellen, in denen Gott allzumenschlich dargestellt wird, z.B. wenn es heißt, er sei in der Abendkühle spazieren gegangen (1. Mose 3/8 und ähnlich 1. Mose 11 /5); oder er sei auf den Sinai herabgestiegen; oder es habe Gott gereut, daß er die Menschen erschaffen habe und ähnliche Feststellungen.
5. Zu erwähnen sind auch die völlig unhaltbaren Auffassungen des Paulus über Ehe und Geschlechtlichkeit und über die Stellung der Frau, die mit allen theologischen Kniffen nicht aus der Welt geschafft werden können.
6. Und wie konnte Maria so verwundert zum Engel sagen: "Wie kann das geschehen, da ich keinen Mann kenne?", wo sie doch verlobt war; es mußte auch für sie zunächst naheliegen, daß der Engel an eine Frucht aus jener Verbindung dachte, wenn auch nur eine künftige. Die Anrede wies in keiner Weise auf etwas anderes hin.
7. Oder wie reimt sich das, was über Maria (und Josef) in Luk. 2/33 und 2/50 berichtet wird, mit jenem Erlebnis bei der Empfängnis? So etwas vergißt eine Frau doch wohl nicht!
8. Eine der vielen Unstimmigkeiten der Bibel, die mit dem Gedanken, Gott sei ihr Autor, unvereinbar sind, liegt auch darin, daß im Neuen Testament Stellen aus dem Alten Testament zitiert werden, die es dort nicht gibt, und andere, die dort ganz anders lauten. Außerdem werden in der Bibel häufig andere heilige Bücher zitiert, die nicht oder nicht mehr existieren.
Erwähnt werden könnte hier desweiteren eine große Anzahl historischer Irrtümer der Bibel. Beumer (S. 80) erwähnt eine berühmt gewordene Rede Kardinal Königs am zweiten Vatikanum, in der er die anderen Konzilsväter an eine ganze Reihe historischer Irrtümer der Bibel erinnerte, um sie davon zu überzeugen, daß es einfach nicht mehr angehe, zu dekretieren, die Bibel sei das absolut irrtumsfreie Wort Gottes. 
Aus solchen und vielen anderen Gründen kam Schmidt zu der Überzeugung, die Inspirationslehre sei absolut zusammengebrochen. Er zieht aber daraus seinerseits nicht etwa den Schluß, die Bibel sei nun einfach in den Papierkorb zu werfen, sondern nur, daß wir - wie die ersten Christen - "von Bibel, Bischöfen und Glaubensbekenntnissen" wieder unabhängiger werden sollten (S. 50). Auf alle Fälle sollte man meinen, daß unter den geschilderten Umständen ein einigermaßen klar denkender Mensch die Bibel unmöglich auch nur eine Minute länger in allen Stücken als Gottes Wort betrachten kann. Zu erwähnen wäre bei alledem erst noch, daß alle anderen Schrift-Religionen bei ihren Gläubigen mehr oder weniger die gleiche falsche Einstellung zu ihrer heiligen Schrift hervorgerufen haben, indem sie die ihre ebenfalls in allen Teilen als reines Wort Gottes ausgegeben haben und heute ebenfalls vor dem Problem stehen: "Wie sag ich's meinem Kinde?"
Ein Hinweis: Bei der Beurteilung der christlichen Bibel ist auch darauf hinzuweisen, daß wenig Neues darin steht. Es gibt kaum einen Text, kaum Wunder oder Legenden, die nicht auch in heiligen Schriften anderer Religionen zu finden sind. Mit diesem Thema befaßt sich das Werk des Autors "Die universelle Offenbarung des Geistes", die wir im 2. Band abdrucken werden.

Aus
Robert Kehl
Der Wandel im religiösen Denken
Band 1: Kirchenreform und Vergangenheitsbewältigung
Herausgeber: Dr. Eckhart Pilick
ISBN 3-00-002393-3