Und hier ist die Geschichte von Al


Wer sie gelesen hat, versteht, warum alles so ist, wie es ist.
Das ist Al; so riefen ihn die Mitglieder seiner Höhlen - WG. Im Jahr 400201 vor unserer Zeitrechnung war er gerade 30 Jahre alt geworden, uralt also, bei einem Durchschnittsalter der Männer von 21,5. Alle seine Sinne, wie auch die der anderen Leute seiner Zeit - ebenfalls sein SEM - waren wesentlich besser ausgebildet als unsere. Er wurde so alt, weil er der kräftigste, schnellste und wachsamste Mann aller Männer der näheren und weiteren Höhlen-WGs war. Er war der beste Keulen- und Steinaxtschwinger. Seine Wurfsteine flogen am weitesten und trafen ihr Ziel mit tödlicher Sicherheit.
Der Frauenrat - es war die Zeit des Matriarchats - unter Vorsitz der alten O-Ma setzte ihn deshalb für die schwierigsten Aufgaben bei Jagd und Verteidigung ein. Er war Ausbilder der Jüngeren und Anführer der Erkundungstrupps.
Größere Tiere aller Art hielten respektvoll Abstand zu Al. Auch Raubtiere, selbst wenn sie sehr hungrig waren. Sogar der weiße Ur-Tiger, den sie Tiggrrr nannten. Er war der größte, stärkste, schnellste und mutigste seiner Art. Seit er einmal zufällig in den Genuss von Menschenfleisch gekommen war, war er süchtig danach und deshalb so gefährlich für die Menschen der Gegend. Andererseits hatte er unangenehme Erfahrungen mit Als Wurfgeschossen und Keulenhieben gemacht, sodass er auf Distanz blieb, solange er das Gefühl hatte, von Al irgendwie wahrgenommen zu werden.
Solange sich Tiggrrr frei und unverdeckt bewegte, konnte Al ihn über einige 100 Meter noch genau sehen. Bei geringerer Entfernung ging Al nur einige Schritte mit Drohgebärden auf ihn zu. Tiggrrr zog ab. Verbarg sich das Tier hinter Strauch oder Fels, nahm es Al immer noch wahr. Entweder er konnte dessen Fauch- und Atemgeräusche hören oder seine ziemlich scharfen Ausdünstungen riechen. Aber das Tier war lernfähig. Es versteckte sich hinter dem Fels, der gerade gegen den Wind stand, hielt den Atem an und wartete, um Al doch einmal zu schnappen. Al kam näher. Er sah, hörte und witterte nichts Verdächtiges. Während der Bewegung spannten sich plötzlich seine Rücken - und Oberarmmuskeln. Die Nackenhaare sträubten sich. Die Hand klammerte sich fester um den Stein. Das waren vom SEM ausgehende Reflexe; dieser “spürte” die vom Tiger verursachte magnetische Inhomogenität. Al stürmte mit einem Urschrei auf den Fels zu. Er sah den aufgescheucht davoneilenden Tiggrrr, wusste also, dass es diesmal keine verborgene Wasserquelle war. Und Tiggrrr sah, dass es wieder nichts mit einer Mahlzeit war.
Ja doch, der SEM war auch nützlich bei der Wassersuche. Auch bei der Suche nach verborgenem besonders hartem Gestein. Außerdem half er bei der Orientierung.
Irgendwann, eben als Al im dreißigsten Lebensjahr angelangt war, kamen dem Tiger mehrere Zufälle zu Hilfe: Ein Fels stand gegen den Wind. Unter ihm verlief ein vertikaler Gesteinsbruch mit unterschiedlich polarisierbarem Material. Es entstand neben der magnetischen eine elektrostatische Inhomogenität. Durch diesen Doppelreiz war Als SEM überfordert, verwirrt.
Es gab keine Reflexe. Al hörte, sah, roch, fühlte und spürte rein gar nichts, und so geschah es dann.

Aus
Alexander Ruch
Auf der Spur des SEM
Sinn für elektrische und magnetische Felder
Indikator Wünschelrute
Verlag Peter Guhl
ISBN 978-3-930760-51-0